Was letzte Preis?
Wir haben ein neues Auto. Die Zeit ist vorbei, in der meine Kinder auf dem Rücksitz Wetten abschließen konnten, wie weit wir diesmal kommen – mit oder ohne Klimaanlage. Gott hat uns das Ding so sichtbar vor die Füße gelegt, dass wir einfach zugreifen mussten, um nicht zu stolpern. Und das absolute Highlight: Unser Auto kann sprechen (unser altes konnte nur stöhnen). Wenn ich zum Beispiel möchte, dass es im Auto warm wird, dann drücke ich einen Knopf, warte auf einen Signalton und sage dann: „Temperatur.“ Eine nette Frauenstimme antwortet mir: „Temperatur bitte.“ Ich: „20 Grad“. Sie: „Temperatur, 20 Grad.“ Und schon wird es warm. Klar, ich könnte auch einfach den Regler auf 20 stellen, aber wer will das noch? Wobei ich mich immer noch frage, ob es bei der Tiefe des Dialogs nicht passender wäre dem Computer eine Männerstimme zu geben. Das Ganze könnte dann so klingen:
Ich drücke den Knopf und man hört einen männlichen Brummton: „Was?“ Ich: „wärmer“ Computer: „Wie“ Ich: „20“ Computer: „Ja Mann.“ Fertig.
So, nun musste nur noch die alte Schüssel vom Hof. Also habe ich den Wagen fröhlich im Internet inseriert.
Kurz bevor ich die Okay-Taste gedrückt hatte, rief bereits der erste potentielle Käufer an: „Was letzte Preis?“ Ich erkläre ihm kurz, dass die lustigen Zahlen am Ende der Anzeige den Preis darstellen. Er: „Geb’ ich dir die Hälfte“. Ich: „Kannst du machen, aber dann behalte ich den Motor.“ Aufgelegt.
Zwei Minuten später rief der Nächste an: „Auto hat viel kaputt. Und Automatik verkauf nicht gut, 2,3 verbrauch zu viel. Mach neues Preis.“ Da ich gerade nicht in Stimmung bin, erkläre ich ihm, dass da nichts mehr geht. So geht das die nächsten Stunden so weiter. Ich bin genervt, aber dafür wird mein Russisch immer besser.
Nachdem ich mit dem gesamten osteuropäischen Markt telefoniert habe, wird endlich der erste Deutsche wach. „Ich bin Händler. Ich gebe Ihnen 2.000 nicht mehr. Wenn überhaupt. Der Kompressor ist kaputt (genauso stand es in der Beschreibung. Es gibt also doch noch Menschen, die in der Lage sind, Inhalte von komplexen Texten wiederzugeben. Vielleicht ist unser Land doch noch nicht verloren). Nachdem ich ihn ausgelacht habe, legen wir beide auf.
Dann schaue ich in mein Postfach. Die erste E-Mail kommt von einem netten Letten: „Ich träume schon lange von so ein Auto, haben aber nicht das Geld, dafür große Familie. Vorschlag: Sie machen Urlaub hier bei mir für Auto.“
Ich freue mich und beschließe: Sollte Lettland auf dem Malediven liegen und der Typ die Flüge für alle übernehmen, sind wir im Geschäft. Während ich meinen Atlas suche, klingelt mein Handy: „berischwunniek jokaltisch Galaxy hjkulio tuschuriew.“ Auf mein etwas verständnisloses Nachfragen antwortet mein Gesprächspartner: „berischwunniek jokaltisch Galaxy hjkulio tuschuriew.“ Ich ahne, dass wir auch diesmal nicht ins Geschäft kommen. Während ich noch weiterrede, legt er schon einmal auf. Das spart immerhin Telefonkosten.
Ich finde meinen Gericke-Welatlas und stelle fest, dass Lettland doch nicht auf den Malediven liegt. Aus reiner Neugierde google ich die Adresse vom netten Letten und bekomme Mitleid: Das Land ist so arm, dass sie es sich noch nicht einmal leisten können, alle Straßen bei Google-Earth eintragen zu lassen.
Endlich kommt es zu einem vernünftigen Gespräch. Ein junger Pakistani aus Hamburg sucht für seinen Onkel und alle seine Kinder ein Auto (Ich vermute, Tante fährt lieber U-Bahn, denn bei der Anzahl der Kinder braucht der Mann eher einen Truppentransporter). Er will den Wagen aber nur, wenn ich noch einen Sitz dazu gebe. Ich sage ihm, dass er den Sitz mit dem Auto kriegen kann, wenn er mir den Preis bezahlt, den ich will (manchmal zweifle ich ernsthaft an meinem Geisteszustand). Mein neuer pakistanischer Freund übergeht meinen Schwachsinn freundlich und wir verhandeln weiter. Am Ende steht ein guter Preis zwischen uns und der Neffe sagt für seinen Onkel zu, den ich ein paar Tage später am Bahnhof abhole. Seine erste Frage: „Ist der Sitz dabei?“ Ich lächle ihn an und erkläre, dass ich bei dem Preis den Sitz nicht mehr drauf legen kann, worauf Onkel völlig verzweifelt wird und nonverbal damit droht, mir die Polster voll zu heulen. Sein Gesichtsausdruck wird immer verzweifelter und eindringlicher. Ich werde weich und wir holen den Sitz (jetzt weiß ich auch, warum Pakistan eine Atom-Bombe kaufen konnte) Er legt die Kohle auf den Tisch und rast in den Sonnenuntergang.
Aus Spaß ändere ich noch kurz den Preis für das Auto im Internet um die Hälfte. Fünf Minuten später brennt mein Handy. Ich lächle und fahre zufrieden in den Urlaub. „Temperatur: 18 Grad.“