Exiles

Was letzte Preis?

Wir haben ein neues Auto. Die Zeit ist vorbei, in der meine Kinder auf dem Rücksitz Wetten abschließen konnten, wie weit wir diesmal kommen – mit oder ohne Klimaanlage. Gott hat uns das Ding so sichtbar vor die Füße gelegt, dass wir einfach zugreifen mussten, um nicht zu stolpern. Und das absolute Highlight: Unser Auto kann sprechen (unser altes konnte nur stöhnen). Wenn ich zum Beispiel möchte, dass es im Auto warm wird, dann drücke ich einen Knopf, warte auf einen Signalton und sage dann: „Temperatur.“ Eine nette Frauenstimme antwortet mir: „Temperatur bitte.“ Ich: „20 Grad“. Sie: „Temperatur, 20 Grad.“ Und schon wird es warm. Klar, ich könnte auch einfach den Regler auf 20 stellen, aber wer will das noch? Wobei ich mich immer noch frage, ob es bei der Tiefe des Dialogs nicht passender wäre dem Computer eine Männerstimme zu geben. Das Ganze könnte dann so klingen:
Ich drücke den Knopf und man hört einen männlichen Brummton: „Was?“ Ich: „wärmer“ Computer: „Wie“ Ich: „20“ Computer: „Ja Mann.“ Fertig.
So, nun musste nur noch die alte Schüssel vom Hof. Also habe ich den Wagen fröhlich im Internet inseriert.
Kurz bevor ich die Okay-Taste gedrückt hatte, rief bereits der erste potentielle Käufer an: „Was letzte Preis?“ Ich erkläre ihm kurz, dass die lustigen Zahlen am Ende der Anzeige den Preis darstellen. Er: „Geb’ ich dir die Hälfte“. Ich: „Kannst du machen, aber dann behalte ich den Motor.“ Aufgelegt.

Zwei Minuten später rief der Nächste an: „Auto hat viel kaputt. Und Automatik verkauf nicht gut, 2,3 verbrauch zu viel. Mach neues Preis.“ Da ich gerade nicht in Stimmung bin, erkläre ich ihm, dass da nichts mehr geht. So geht das die nächsten Stunden so weiter. Ich bin genervt, aber dafür wird mein Russisch immer besser.

Nachdem ich mit dem gesamten osteuropäischen Markt telefoniert habe, wird endlich der erste Deutsche wach. „Ich bin Händler. Ich gebe Ihnen 2.000 nicht mehr. Wenn überhaupt. Der Kompressor ist kaputt (genauso stand es in der Beschreibung. Es gibt also doch noch Menschen, die in der Lage sind, Inhalte von komplexen Texten wiederzugeben. Vielleicht ist unser Land doch noch nicht verloren). Nachdem ich ihn ausgelacht habe, legen wir beide auf.

Dann schaue ich in mein Postfach. Die erste E-Mail kommt von einem netten Letten: „Ich träume schon lange von so ein Auto, haben aber nicht das Geld, dafür große Familie. Vorschlag: Sie machen Urlaub hier bei mir für Auto.“
Ich freue mich und beschließe: Sollte Lettland auf dem Malediven liegen und der Typ die Flüge für alle übernehmen, sind wir im Geschäft. Während ich meinen Atlas suche, klingelt mein Handy: „berischwunniek jokaltisch Galaxy hjkulio tuschuriew.“ Auf mein etwas verständnisloses Nachfragen antwortet mein Gesprächspartner: „berischwunniek jokaltisch Galaxy hjkulio tuschuriew.“ Ich ahne, dass wir auch diesmal nicht ins Geschäft kommen. Während ich noch weiterrede, legt er schon einmal auf. Das spart immerhin Telefonkosten.

Ich finde meinen Gericke-Welatlas und stelle fest, dass Lettland doch nicht auf den Malediven liegt. Aus reiner Neugierde google ich die Adresse vom netten Letten und bekomme Mitleid: Das Land ist so arm, dass sie es sich noch nicht einmal leisten können, alle Straßen bei Google-Earth eintragen zu lassen.

Endlich kommt es zu einem vernünftigen Gespräch. Ein junger Pakistani aus Hamburg sucht für seinen Onkel und alle seine Kinder ein Auto (Ich vermute, Tante fährt lieber U-Bahn, denn bei der Anzahl der Kinder braucht der Mann eher einen Truppentransporter). Er will den Wagen aber nur, wenn ich noch einen Sitz dazu gebe. Ich sage ihm, dass er den Sitz mit dem Auto kriegen kann, wenn er mir den Preis bezahlt, den ich will (manchmal zweifle ich ernsthaft an meinem Geisteszustand). Mein neuer pakistanischer Freund übergeht meinen Schwachsinn freundlich und wir verhandeln weiter. Am Ende steht ein guter Preis zwischen uns und der Neffe sagt für seinen Onkel zu, den ich ein paar Tage später am Bahnhof abhole. Seine erste Frage: „Ist der Sitz dabei?“ Ich lächle ihn an und erkläre, dass ich bei dem Preis den Sitz nicht mehr drauf legen kann, worauf Onkel völlig verzweifelt wird und nonverbal damit droht, mir die Polster voll zu heulen. Sein Gesichtsausdruck wird immer verzweifelter und eindringlicher. Ich werde weich und wir holen den Sitz (jetzt weiß ich auch, warum Pakistan eine Atom-Bombe kaufen konnte) Er legt die Kohle auf den Tisch und rast in den Sonnenuntergang.

Aus Spaß ändere ich noch kurz den Preis für das Auto im Internet um die Hälfte. Fünf Minuten später brennt mein Handy. Ich lächle und fahre zufrieden in den Urlaub. „Temperatur: 18 Grad.“

Sudhaus ohne Sudhaus

An diesem Sonntag (06.06.) feiern wir wieder unseren Sudhausgottesdienst. Diesmal allerdings ohne Sudhaus und dafür als Lahnparty. Wir treffen uns irgendwo zwischen Affenfelsen und Krekel auf der rechten Seite der Lahn. Bitte bringt doch ein bisschen was zu essen und zu trinken mit. Los geht es um 17.00 Uhr. Thema: Wie kriegen wir unsere Beziehungen auf die Reihe?
wenn ihr Fragen habt, ruft an: 0179/7306451

Was ist Glaube?

Ich lese gerade die Studie: Wie finden Erwachsene zum Glauben? Sehr spannend. Am Anfang zeigen die Verfasser einmal eine systematisch-theologische Bestimmung von Glauben auf. Nicht wirklich neu, aber die Übersicht an sich hat mir richtig gut gefallen. Darum hier einmal ein paar Stichpunkte:

1. Glaube verbindet mit Gott und - auf unterschiedliche Weise - Menschen untereinander
2. Glaube ist Heil, weil Rettung
3. Glaube ist Hoffnung, weil ich mitten im Chaos immer noch einen Gott weiß, der über allem steht.
4. Glaube ist Antwort, weil ich als gläubiger Mensch auf das Reden Gottes reagiere.
5. Glaube ist Wirkung Gottes, weil er in mir den Glauben zum Leben erweckt.
6. Glaube ist Gehorsam, weil Gott Anspruch auf mein Leben hat.
7. Glaube ist Wirklichkeit - ich nehme Veränderungen in meinem Leben wahr.
8. Glaube ist das Ergebnis der Gnade, weil Gott eine Beziehung zu mir will, ohne sie haben zu müssen und trotz der Tatsache, dass eigentlich viel daggegen spricht.
9. Glaube ist das Ergebnis eines geistlichen Kampfes, in dem ich mich (?) gegen Gott wehre, mich mit ihm auseinandersetze usw.
10. Glaube ist ein Weg. Man ist nicht einfach nur gläubig, sondern dieser Glaube entwickelt und verändert sich.

Liquid walk

Über ein paar Umwege bin ich auf dieses Video gestoßen:

Beeindruckend oder?
Gut, kommen wir einmal zu dem, an das wir alle gerade denken. Beweist das hier, dass Jesus tatsächlich auf dem Wasser gelaufen ist? Oder dass es zumindest möglich ist, dass er es getan hat? Nein, es beweist nichts. Es kann dem, der davon überzeugt ist, dass Jesus es getan hat, ein wenig mehr Sicherheit geben, aber solche Bilder sind nicht stark genug, um echte Zweifler zu überzeugen. Schaut euch die Kommentare an, die bei youtube hinterlassen werden und ihr wisst, dass hier niemand wirklich überzeugt wird.

Mir geht es hier auch um etwas ganz anderes. Schaut euch einmal die Gesichter der Jungs an, die hier übers Wasser laufen und damit ihre alten Grenzen überwinden. Stellt euch vor, wie viel Spaß das machen muss, mit Füßen über Wasser zu laufen. Stellt euch vor wie genial sich das anfühlen muss. Spürt ihre Begeisterung, fühlt eure eigenen Füße, wie sie einen Schritt nach dem nächsten machen, Grenzen überwinden – und dann denkt an Jesus, an den See Genezareth und vor allem daran, mit welcher Stimmung uns oft der Wasserlauf von Jesus präsentiert wird. Hand hoch: Wer von euch denkt nicht an eine unglaublich verbissene Situation? Jesus läuft ganz ernst übers Wasser. Vielleicht schwebt er ja sogar etwas. Ein helles Licht umgibt ihn (wo immer das gerade her kommt), das, was er trägt erinnert stärker an ein überlanges OP-Hemd als an die landestypische Kleidung. Dann komm er dem Boot näher. Die Jünger kriegen ihre Panikattacken. Und Petrus brüllt über alle hinweg: “Wenn du das bist, dann lass mich zu dir ‘rüberkommen.” Sofort dröhnt Jesus zurück: “Komm.”
Petrus läuft los, wird von den Wellen gelähmt, geht unter, um kurz vor dem sicheren Ertrinken die stake Hand von Jesus zu ergreifen. Und sein Meister steht da, schaut ihn sehr ernst und sehr vorwurfsvoll an und dann hagelt es mächtig Vorwürfe, weil er immer noch nicht stark genug glaubt.

Ist das nicht genau die Stimmung, die uns oft beim Lesen oder hören dieses Textes vermittelt wird? War es so? Vielleicht, vielleicht aber ähnelte die Szene auch viel mehr dem, was die Jungs im Video vermitteln: Spaß, Leidenschaft, Konzentration und vor allem Begeisterung.

Charakter würde die Geschichte bekommen, wenn Jesus Spaß daran gehabt hätte, über das Wasser zu laufen? Wenn er breit gegrinst hätte, als er sah, wie sehr er seine Jungs im Boot erschreckt hat. Wie würde sie die Geschichte anfühlen, wenn er nicht befehlend, sondern begeistert einem Petrus zugerufen hätte: “Na dann komm her (spüre, wie genial es ist, mit mir über seine eigenen Grenzen hinauszuwachsen, wie es sich anfühlt, mit eigenen Füßen das Reich Gottes zu betreten, statt immer nur davon zu hören). Und dass selbst das Scheitern von Petrus von Jesus nicht mit Zurechtweisung und Kritik begleitet wurde, sondern mit einem motivierenden: „Petrus, du Kleingläubiger” (dein Glaube ist echt noch ausbaufähig. Komm, lass uns weitermachen, vertrau mir. Das Abenteuer hat gerade erst begonnen. Du glaubst gar nicht, wie schön das Reich Gottes ist).

Richtig, auch das ist letzten Endes nur eine große Spekulation, aber eben auch genauso wie unsere bisher weit verbreitete Interpretation. Es tut gut, einmal eine alte Perspektive zu verlassen und zu versuchen, Vertrautes mit anderen Augen zu sehen.

Lebenszeichen aus dem Dschungel

Seit gestern bin ich mit einem Haufen Teenager und zwei mächtig fitten Mitarbeitern auf dem Wiskerhof am Rande von Kernbach. Na ja gut, in Kernbach ist alles am Rand, weil es hier ausser Pferden, Wiesen, Greifvögeln, Wäldern und 180 Einwohnern nicht viel mehr gibt. Wer noch nie hier war: stellt euch die Landschaft vor als eine Mischung aus Heidi und Ausgerechnet Alaska.
Leider ist einer der Mitarbeiter ausgefallen, so dass heute Morgen eine Lücke im Programm drohte. Warum auch immer, habe ich die Teens deswegen gestern am Lagerfeuer gefragt, ob es ein Thema gibt, über das sie gern mal reden möchten. Die fast einstimmige Antwort: Über die Offenbarung.
An dieser Stelle möchte ich mich einmal ganz herzlich bei meinem alten Dozenten Werner Stoy bedanken. Danke Werner, dass du uns dieses Buch so in den Kopf und ins Herz gehämmert hast. Es wirkt.
Was mich echt noch einmal bewegt hat, war dann unsere Gebetszeit nach der Einheit. Sara hat ein paar Stationen auf dem Gelände aufgebaut und es war einfach nur genial zu sehen, wie ernsthaft sich unsere Leute darauf eingelassen haben. Ich bin so gespannt, was Gott noch alles mit ihnen vor hat.
Bevor wir nachher noch ein paar Schweinenacken dem Grill übergeben wird Mirja in ihre Teamgameskiste greifen und weiter mit daran arbeiten aus dem Haufen ein Team zu machen.
Dank an alle, die bereits für uns beten!

Freiheit entdecken

Gestern habe ich angefangen ein Buch zu lesen, das mich gerade mehr und mehr beeindruckt: Frost und Brunner: Freiheit entdecken.

Es kommt aus „meinem“ Stall (Schriften der Evangelischen Hochschule, die zur Stiftung der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor gehört) und genau genommen sind es eigentlich zwei Bücher in einem. Im ersten Teil finden sich in alphabethischer Reihenfolge Essays von Michael Frost in denen er eine ganze Reihe von Gedankenanstöße für eine Kirche der Zukunft weitergibt.

Um es gleich zu sagen: Dieser Teil des Buches wird viele Menschen enttäuschen – nämlich alles diejenigen, die vertraute Formulierungen und Gedankengänge erwarten. Manches von dem, was Frost schreibt hat mich nachdenklich gemacht, mich aufgeregt, mich motiviert und auch nervös gemacht. Dieser Mann hat wirklich das Zeug dazu, aus einem gemütlichen und ruhigen Leseabend ein Feuerwerk zu machen. Dadurch, dass die einzelnen Kapitel sehr kurz sind und eben nicht aufeinander aufbauen, bleiben die einzelnen Texte trotz der Tiefe sehr kurzweilig. Es macht Spaß, sich einmal auf seine bisweilen extrem unkonventionellen Gedankengänge einzulassen.
Im zweiten Teil treffe ich dann einen meiner absoluten Lieblingskollegen Reinhard Brunner wieder. Er beschreibt hier die Geschichte seiner Gemeinde, den jesusfriends.de. Vor rund 10 Jahren begann Reinhard mit seiner Frau Eva in Hamburg ein Gemeindegründungsprojekt für Künstler und Lebenskünstler.

Auch dieser Teil des Buches wird Menschen enttäuschen. Diesmal alle diejenigen, die eine perfekte und fehlerlose Erfolgsstory erwarten. Reinhard und seine Leute haben Fehler gemacht und es ist gut, dass er sie für uns aufgeschrieben hat, denn das wird uns helfen, selber so manches Riff zu umfahren.

Und es wird diejenigen enttäuschen, die eine oberflächliche Sammlung von netten Geschichten erwarten. Reinhard zeigt mir hier eine Seite, die ich so von ihm noch gar nicht kannte. Bisher kannte ich ihn als Brunner, den praktisch begabten Gemeindebauer. Hier nun lerne ich Reinhard den Wissenschaftler kennen. Sein Buch ist eine Fundgrube für theologisches und sozilogisches Hintergrundwissen.
Während Frost uns inspiriert und zum Losgehen motiviert, zeigt uns Brunner, was passieren kann, wenn man genau das tut. Und so werden beide Teile zu einer richtig guten Einheit.

Klar, der Preis von € 25,- für rund 300 Seiten im Taschenbuchformat schockiert erst einmal, wenn du aber verstanden hast, dass du hier zwei wirklich gute Bücher kaufst, erscheint der Preis gleich in einem ganz anderen Licht.

Allen, denen ich nun genug vorgeschwärmt habe: Hier könnt ihr das Buch gleich versandkostenfrei bestellen.

Predigten im Krimistyle

Vor einigen Tagen erzählte mir eine Studentin von einem Buch indem der Verfasser neue Fernsehkrimis analysiert, um Impulse für eine gute Verkündigung zu bekommen. Ich gebe offen zu, dass ich nur mit einem halben Ohr hingehört habe, aber je länger ich darüber nachdenke, umso spannender finde ich den Gedanken. Da ich gerade im Zug sitze und nichts weiter zu tun habe, als nachzudenken, schreibe ich einmal runter, was mir dazu einfällt.

Der Aufbau unserer Predigten basiert teilweise immer noch auf der griechischen Rhetorik (Einleitung - Hauptteil und dann ein packender Schluss und all die Details, die dazwischen zu beachten sind). Das muss nun nicht schlecht sein, aber ein paar neue Impulse können uns sicher helfen, einen neuen Zugang zu den Ohren unserer Zuhörer zu bekommen.
Dass uns ausgerechnet Kriminalfilme dabei helfen könne, hätte ich vor ein paar Wochen nicht gedacht. Nun schaue ich sehr gerne gute Krimis. Meine Leidenschaft begann im zarten Alter von 13 Jahren. Freitagabends war Krimizeit. Der Alte und Derrick im wöchentlichen Wechsel. Als ich bereit dafür war, kam dann sonntags der Tatort dazu. Meine kleine Welt war zwar voller Leichen, aber sonst ganz in Ordnung.
Ist es euch aufgefallen? Nachdem Derrick und der Alte in Rente sind, ist nichts mehr, wie es einmal war. Und genau hier wird es spannend. Ich habe das Buch, das mir Michaela empfohlen hat noch nicht in der Handgehalten, aber ich versuche einmal, ein paar Linien selber nachzuzeichnen und gleichzeitig zu überlegen, was das für uns bedeuten kann.

1. Authentizität
Da ist zum einen natürlich vor allem der Kommissar selber. Während Derrick und der Alte perfekte Ermittler im perfekt sitzenden Trenchcoat waren, lernen wir heute vor allem schwedische Polizisten kennen, die uns etwas von ihrer Schwäche zeigen. Sie sind oft mürrisch, haben nicht selten Eheprobleme, leiden unter Übergewicht oder darunter, dass ihre Töchter Drogen nehmen oder mit Typen verheiratet sind, die sie nicht leiden können. Kurz gesagt: Wir lernen ganz normale Menschen kennen. Hatte Derrick eigentlich Kinder? War der Alte jemals besoffen?
Und ich denke, das wollen unsere Zuhörer heute erleben, Sie wollen nicht nur echte Reden, sie wollen vor allem echte Menschen, authentische Persönlichkeiten, die den Mut haben, auch einmal deutlich zu sagen, dass auch das Leben nicht nicht immer im Griff haben.
Nicht selten berührt der Fall, an dem unsere Helden arbeiten, an einer bestimmten Stelle das eigene Leben. Sei es, dass sie an ihre eigene Geschichte erinnert werden, sei es, dass sie plötzlich auf einen alten Bekannten stoßen oder was auch immer. Das berührt uns. Genauso wie es uns berührt, wenn wir hören, wie jemand selbst persönlich von einem Text berührt wird. Und eben nicht nur ein halbherziges: „Oh, das finde ich ganz nett, sondern: „hier entdecke ich mich wieder, weil ich genau das erlebt habe, als ich damals …“
Das hat natürlich seine Grenzen. Wir müssen uns vor einer Gemeinde nicht mehr ausziehen, als uns selber angenehm ist, aber vielleicht tut uns und vielen anderen ein wenig mehr Mut zur Offenheit gut.

2. Sackgassen

Das ist wirklich auffallend: Vor allem in skandinavischen Krimis verfolgen unsere ermittelnden Beamten erst einmal ein paar falsche Spuren. Manchmal verlaufen die eifach im Sand, manchmal setzen sich die aber auch alle zum Ende hin zu einem großartigen Bild zusammen. Wir sitzen da, verstehen langsam selber den Zusammenhang, staunen, sind fasziniert von der Logik.
Vielleicht tut es uns gut, in der Predigt auch einmal ein paar Gedanken anzuschneiden, in einem Text ein paar Nebenschauplätze zu zeigen. Wenn wir gut sind, dann schaffen wir es vielleicht, am Ende die einzelnen Punkte zu einem Hauptpunkt zusammen zu ziehen, wobei ich denke, dass das sau schwer sein dürfte, Ich denke aber dass eine unrunde und auch eckige Predigt ansprechender ist, als eine, in der alle Punkte klar und logisch sind. Auf Dauer schaffen wir so einen Haufen Konsumenten, aber keine wirklichen Zuhörer, die anfangen, über das Gehörte nachzudenken oder auch einmal Dinge querzudenken.

3. Team mit klaren Rollen

Derrick hatte seinen Harry (der übrigens niemals den Wagen geholt hat), der Alte seine Leute, die mehr oder weniger das taten, wozu sie vom Chef beauftragt wurden Sie waren Handlanger, Untergebene und vor allem: sie standen im Schatten und hatten oft kein wirklich eigenes Profil. Bei den neueren Krimis scheint das anders zu sein. Schnell erkennst du von jedem Polizisten einen ganz eigenen Charakter und Stil. Da gibt es den jungen eifrigen Beamter, der gerade von der Polizeischule gekommen ist, die hübsche attraktive Polizistin (das Auge sieht schließlich mit), der alternde Beamte, der nicht damit klar kommt, dass sein Boss sein Boss ist, denn eigentlich hätte er doch damals die Beförderung verdient. Wir sehen keinen perfekten Einzelhelden mehr, sondern lernen ein ganz menschliches Ermittlerteam kennen, das gemeinsam mehr oder weniger an einem Strang zieht.
Würde es uns gut tun, wenn wir am Sonntagvormittag nicht nur einenRedner hören würden, sondern einmal von verschiedenen Leuten hören, wie sie einen Text verstehen oder wie sie eine Antwort auf eine bestimmte geistliche Frage formulieren? Sie könnten ihre eigene Biografie und ihren Charakter einbringen, um uns ein viel breiteres Bild zu zeigen, als wir es sonst bei der „Monoverkündigung“ erhalten. Neu ist das nicht, aber vielleicht können wir es neu für uns entdecken.

Da ich jetzt eine Einleitung und drei Punkte Hauptpunkte habe, kann ich zum Schluss kommen: Lasst uns darüber nachdenken und es ausprobieren.

Über eine betrunkene Ex-Bischöfin und die unsichtbare Gnade

Gerade habe ich gelesen, dass Frau Käßmann zurück getreten ist. Eigentlich mag ich es nicht, hier im Blog über andere Menschen oder deren Situation zu schreiben, aber das, was da gerade passiert, macht mich doch nachdenklich. Natürlich, es ist falsch, wenn jemand mit 1,5 Promille im Blut Auto fährt. Dass sie nur eine rote Ampel und sonst keinen anderen überfahren hat ist ein echter Grund, um dankbar zu sein. Es war einfach nur falsch und unverantwortlich, was sie getan hat.

Aber: Was jetzt kommt ist auch nicht wirklich besser. Gut, ich kenne die Hintergründe nicht wirklich im Detail, aber im Augenblick sieht es für mich so aus, als müsste Frau Käßmann für ihren Fehltritt bezahlen, büßen und mit Rücktritt etwas gut machen, was nicht rückgängig zu machen ist. Und somit wird ein alter Mythos gefüttert und am Leben gehalten, der seit Jahrhunderten um die Kirche kreist: In der Kirche darf es keine Versager geben und wer doch versagt, wird bestraft.

Wer hier nickt und denkt: „Ja, genauso ist doch richtig. Wir dürfen kein Versagen und keine Schuld dulden, denn schließlich sind wir Christen doch ein heiliges Volk“, der ist dem Herzen der Pharisäer näher als dem Herzen Jesu.

Es berührt mich immer wieder, wenn ich sehe, wie Jesus mit Versagern umgegangen ist. Einen Petrus, der ihn dreimal hintereinander verraten hat, hat er nicht in die Wüste geschickt, sondern als Fundament seiner Kirche eingesetzt. Jesus baut seine Gemeinde mit sozialem Schutt, emotionalen Abfall und blutigen Biografien. Sicher, Frau Käßmann soll ein Vorbild für andere sein, aber es wäre für mich vorbildlich gewesen, wenn ihr Fehltritt mit Gnade und Barmherzigkeit behandelt worden wäre, statt mit Rücktritt und Häme.
Solange wir in der Kirche das Image mit uns herum schleppen, dass wir nur für die Guten und Sündlosen da sind, solange wir Fehltritte mit Strafen und Achtung, statt mit Gnade und Vergebung beantworten, solange werden die Kaputten, Verletzten und Versager einen großen Bogen um uns machen. Und ich kann sie verstehen.

IKEA

Heute war bei uns schulfrei. Eigentlich wollten wir den Tag nutzen, um mal wieder in Ruhe bei IKEA vorbeizuschauen (2 Klobürsten, die Geburtstagsüberraschungen für die Kinder aus dem Family-Shop, einen Happen essen und Cola trinken, bis wir das Geld fürs Essen und die Fahrt nach Frankfurt wieder raus haben). Dann haben wir es uns doch anders überlegt und sind in die Oberstadt zum Bummeln gefahren, auch schön. Die ruhigen Minuten zwischen Tiefgarage und Kopfsteinpflaster habe ich genutzt, um endlich einmal über die Frage nachzudenken, mit der Tobias Faix ein ganzes Buch füllt: Würde Jesus bei IKEA einkaufen? Hej Tobi, ich habe es immer noch nicht gelsen, aber das kommt noch, ganz bestimmt. Weil ich also noch nicht weiß, was Tobi dazu sagt, habe ich einmal selber nach einer Antwort gesucht. Hier ist sie: Nein, würde er nicht. Denn:

1. Jesus ist Schreiner
2. Nach Genesis 3, 15 besteht seine Aufgabe nicht darin, sich am Ende einer Schlange anzustellen - er soll ihr den Kopf zertreten.
3. Hier auf der Erde hat Jesus kein Zuhause – was soll er bitte schön mit einem Billy-Regal? Und ich hoffe einmal nicht, dass wir im Himmel auf Möbel aus Schweden sitzen.

[echt]

So, das Thema für den nächsten Sudhausgottesdienst steht: [echt]. In den letzten Tagen habe ich ein paar Mal darüber nachgedacht, was dran ist. Leider kamen mir nur einen Haufen Themen vor die Flinte, die nicht dran sind. Heute beim Mittagessen ist dann der Groschen gefallen, nachdem der freundliche Doktor neben mir meinte: “Es ist doch Karneval, mach doch ‘was dazu”.
Dazu muss man sagen, dass Karneval in Marburg ungefähr die gleiche Bedeutung hat wie Sommerschlussverkauf vom Reformhaus in Essen-Schonnebeck. Ein paar gehen hin, die meisten interessiert es nicht die Vollmond-Bohne.

Ich gebe zu, dass mich der Vorschlag von Frank erst mal nicht vom Stuhl gehauen hat. Irgendwo tief in mir schrie sogar ein Mitglied meines inneren Teams auf und kreischte hysterisch: „Vergiss es, da mach ich nicht mit. Das ist doch langweilig.“ Es könnte aber auch sein, dass er das Essen gemeint hat, wobei ich das gar nicht so schlecht fand. Egal. So genau kann ich das gerade nicht reflektieren, will ich auch nicht. Jedenfalls ist das jetzt das Thema. Denn je länger ich darüber anchdenke, umso spannender finde ich es. Echt.

Was genau passieren wird, weiß ich nicht, aber der Gedanke ist mir dabei jetzt wichtig: Beim Karneval verkleiden sich viele, um endlich einmal sie selbst sein können. Du setzt dir eine Maske auf, schlüpfst in die Rolle eines anderen, um endlich einmal das zu tun, was du schon immer tun wolltest. Wie krass ist das denn: Du musst dich verkleiden, um echt zu sein?

Was läuft da so dermaßen schief, dass viele den Eindruck haben, ihre eigendliche Identität nur mit Hilfe einer Tarnung ausleben zu können? Ich bin mir sicher, dass Gott da einen besseren Plan für uns hat, der so genial ist, dass wir uns das nicht antun müssen.

Hej, falls jemand von euch da draußen ein paar gute Ideen zu dem Thema hat: her damit. Entweder hier als Kommentar oder per Mail: piechottka@gmail.com.

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