Reveal
Bereits vor einiger Zeit hatte ich schon mal etwas zur Reveal-Studie gepostet. Nun habe ich das Ding endlich einmal in Ruhe lesen können. Die Ergebnisse sind verrückt. Jedenfalls verrücken sie mein Bild von Gottesdienst und Gemeinde. Insgesamt wurden 11.000 Befragungen durchgeführt und am Ende standen die Jungs vor der Herausforderung mehr als 2,6 Millionen Daten auswerten zu müssen. An dieser Stelle werden die Erinnerungen an zwei Semester Statistik wach und ich werden den Eindruck nicht los: Das hört sich schon mal repräsentativ an. Ich skizziere einmal die Kernpunkte, die deutlich wurden:
1. Die Teilnahme an gemeindlichen Aktivitäten sagt kaum etwas über das geistliche Wachstum eines Menschen aus und bewirkt dieses auch nicht langfristig.
Hallo? Das war meine einfache Regel, mit der ich groß geworden bin: Je mehr du dich in der Gemeinde engagierst, umso näher bist du an Gott dran. Je regelmäßiger du in einen Gottesdienst gehst, umso mehr wirst du im Glauben wachsen.
Und nun schreiben die Macher der Studie: „Wir fanden heraus, dass ein höheres Maß an Gemeindeaktivität nicht automatisch zu einem höheren Maß an Liebe zu Gott oder zu anderen Menschen führt. Das bedeutet nicht, dass Menschen, die gemeindlich engagiert sind, Gott nicht lieben würden. Es bedeutet lediglich, dass sie kein höheres Maß an Liebe zu Gott aufweisen als diejenigen, die sich weniger in der Gemeinde engagieren. Ein höheres Maß an Gemeindeaktivität lass also keine Vorhersage darüber zu, ob jemand Gott auch mehr liebt.“
Wenn das stimmt, dann sollten wir uns zumindest einmal ernsthaft darüber Gedanken machen, warum wir so viel Wert auf regelmäßige Veranstaltungen legen, zumal sie im Kontext einer postmodernen Kultur immer weniger in ein unverbindliches Lebensgefühl der Menschen passen, die wir erreichen wollen.
Das zweiter Ergebnis klingt schon wieder etwas vertrauter:
2. Geistliches Wachstum hängt davon ab, wie eng die Beziehung zu Christus ist.
Genau das ist es, was Hirsch und Frost in ihrem genialen Buch „Der wilde Messias“ betonen und auch fordern. Und auch wenn wir diesen Satz ganz schnell unterschreiben und sagen: Natürlich, darum geht es, so sollten wir uns ernsthaft überlegen, wie wir als Gemeinde genau das fördern. Es reicht nicht aus, darauf zu achten, dass auch in jedem dritten Lied Jesus vorkommt und in mindestens jeder zweiten Predigt vom Kreuz die Rede ist. Wir sind herausgefordert ein Gemeindeleben zu gestalten, in dem wir gemeinsam immer mehr Jesus verstehen und zwar nicht den Jesus, den wir so gerne hätten, sondern den Jesus, wie er uns in der Bibel vorgestellt wird.
3. Die Bedeutung der Gemeinde ist in den frühen Phasen des geistlichen Wachstums am größten. Danach ist die Rolle eher sekundär.
Also: Wenn du gerade erst anfängst, als Christ zu leben, dann wirst du von Gemeinde begeistert sein und hoffentlich schnell feststellen, wie wertvoll sie für dich ist. Nach und nach wird Gemeinde für dich dann aber unbedeutender – klar, denn es wird vermutlich immer weniger Menschen geben, die dir helfen können, geistlich zu wachsen.
Vielleicht liegt hier aber auch nur ein Denkfehler vor (ist jetzt eine bodenlose Unterstellung, ich weiß). Kann es sein, dass wir viel zu stark denken, „die Gemeinde“ müsste für mich da sein? Wenn ich Ehpeser 4,11.12 richtig verstehe, dann geht es doch um einen Prozess: Ich komme in eine Gemeinde, finde vielleicht hier zum Glauben, Menschen helfen mir, geistlich zu wachsen, die wichtigsten Dinge zu verstehen, den Glauben zu begreifen, zu erleben, wie der Heilige Geist an mir arbeitet usw.). An einer bestimmten Stelle bin ich aber dann gefragt, selber aktiv zu werden. Selber anderen zu helfen – und zwar jeder Christ – nicht nur eine Hand voll besonders Begabter, die dann predigen dürfen oder die eine Bibelstunde leiten.
Kann es sein, dass unsere Gemeinden voll sind mit reifen Christen, die sich einfach nur langweilen, weil sie keine Aufgabe haben, die wirklich zu ihnen passt? Und ich meine mit passen jetzt nicht, dass ihr Name auf einer Liste auftaucht, wenn es darum geht Stühle zu schleppen und Räume neu zu streichen. Mmmmh jetzt wird es heikel für mich und ich hoffe, ihr versteht mich richtig. Kann es sein, dass wir zu wenig Lehrer einsetzen, zu wenig Evangelisten einfach einmal losschicken und zu wenig Hirten den Stab in die Hand drücken? Und statt ihnen zu sagen: „Koch Tee für deinen Hauskreis“, einmal den Auftrag geben: „Ich möchte, dass die Leute, für die du verantwortlich bist, in den nächsten sechs Monaten 20 Meter weiter gewachsen sind im Glauben. Du bekommst von mir die Unterstützung, die du brauchst, aber ich will, dass du die Verantwortung dafür übernimmst, dass es gelingt.“
Wie kann ein Gottesdienst aussehen, in dem viele (also nicht nur einer in Form einer Predigt) geistlich reife Menschen anderen Menschen im Glauben weiterhelfen? Wie können wir eine Gemeinschaft fördern, in der wir messbar wachsen? Ja, messbar.
4. Geistliche Übungen sind Bausteine für ein Leben,, in dem Christus die Mitte ist
Bei allem Neuen, das die Studie liefert, hier die Erkenntnis für alle, die Sicherheit brauchen. Ja, Bibellesen, Gebet, Stille und all die wunderbaren Dingen, sind nach wie vor das A und O (ihr wisst, wie ich es meine, mir ist auch klar, dass jemand anderes A und O ist).
5. Die aktivsten Evangelisten, Mitarbeiter und Spender einer Gemeinde befinden sich in den geistlich fortgeschrittensten Phasen.
Je mehr Menschen Jesus begreifen und je enger sie mit ihm leben, umso mehr werden sie über ihn reden, für ihn etwas tun und von ihm erzählen. Das ist überraschend, zumindest der Teil mit dem Evangelisieren, denn ich bin mit den Ergebnissen von Christian A. Schwarz groß geworden. Sein Institut hat noch verkündet, dass vor allem Menschen, die gerade Christen geworden sind, die besten Evangelisten darstellen, da sie die meisten Kontakte zu Nichtchristen haben und ein starkes brennendes Herz besitzen. Auch er hat das damals sehr eindrücklich mit Zahlen belegt. Vielleicht hatte Schwarz auch damals vollkommen recht und Reveal hat es heute. Vielleicht hat sich hier nur etwas verändert. Eine Veränderung, die wir sehen und auf die wir reagieren sollten.
6. 25% der Befragten gaben an, dass sie sich im Augenblick in einer Phase des geistlichen Stillstandes befinden und mit ihrer Gemeinde unzufrieden sind.
Interessanterweise waren das vor allem die Menschen, die bereits seit vielen Jahren Christen sind. Viele von ihnen sind in einer mittleren Phase ihres geistlichen Wachstums stecken geblieben. Sie haben viel verstanden und viel verinnerlicht. Sie arbeiten irgendwie und irgendwo mit, aber es passiert nichts mehr.
Hier sehe ich einen engen Zusammenhang zu Punkt 3. Und mir stellt sich die Frage, wie können wir diese Menschen neu herausfordern, sich tiefer auf Jesus einzulassen? Sie haben alles gehört, sie wissen so viel, sie kennen die Geschichten. Vielleicht legen wir den Hebel ganz einfach dadurch um, dass wir ihnen mehr Verantwortung für andere Menschen (und eben nicht nur für Aufgaben) übergeben.
Es ist alles noch recht ins Unreine gedacht und vieles nicht durchdacht, aber vielleicht hat ja jemand von euch Lust, hier in eine gute Diskussion einzusteigen (falls diesen Post jemand bis zum Ende gelesen hat).
Ja, habe den Post ganz gelesen und bin mal wieder schwer am Nachdenken. Vor allem weil ja niemand geholfen ist, wenn wir als Prediger entscheiden, dass das oder jenes jetzt unser Paradigma von Gemeinde ist und wir kriegen es nicht vermittelt. Würden die “Gelangweilten” überhaupt so viel persönlichen Einsatz und Verantwortung wollen (die Frage meine ich ernst, nicht rhetorisch)? Oder haben wir (also nicht unbedingt du und ich persönlich, aber als Fromme insgesamt) ihnen einfach nie die Möglichkeit gegeben, sich anders zu sehen als als Konsumenten? Oder liegen die Probleme noch wo anders und ich raff’s nicht?
Ich bin mit dem Denken auch noch nicht fertig ;). Vielleicht mal so ein paar Gedankenbrocken:
Ich denke, wir müssen verstehen, dass “mündige Gemeinde” nicht einfach nur eine Gemeinde ist, die sich auskennt und viel Wissen über Jesus verwaltet. Es geht vielmehr um eine Gemeinde, in der viele Menschen verantwortlich ihren Glauben nach außen (für andere) und innen (in ihrer Beziehung zu Jesus) leben. Menschen, die nicht von einer Gemeinde erwarten zu funktionieren, sondern die das Leben der Gemeinde gestalten.
Ja, ich denke, Menschen wären bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mal ein Interview mit einem Unternehmensberater gelesen und der hat in etwa gesagt: Menschen motivierst du am besten, in dem du ihnen die Aufgabe gibst, die zu ihnen passt, die sie fordert, ohne zu überfordern. Und ich denke, einem mündigen Christen kann man einfach keine passendere Aufgabe geben, als Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen - auch wenn sich das jetzt etwas nach Gabenprojektion anhört, aber wenn wir zur Gemeinschaft untereinander geschaffen sind, dann passen solche Beziehungen zu uns.
Vielleicht mal so viel.
Frohe Weihnachten Stefan!
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ich hoffe es ist OK oder.
Sanjay Tripathi
visited Ev. stadtmission in 2003- 2005… with Michael Moller…